Sie schreien uns förmlich an. Inspirierende Instagram-Postings, Werbungen, Podcasts, die alle nur von einem handeln: Mach’ deine Leidenschaft zum Beruf. Jetzt! Denn wenn du liebst, was du tust, wirst du keinen Tag in deinem Leben mehr arbeiten.

Ja, eh. Das klingt fantastisch, verführerisch und beinahe zu gut, um wahr zu sein. Ist es denn tatsächlich wahr? Können wir jetzt nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Beruf das machen, was wir lieben? Müssen wir es vielleicht sogar?
Von vorne: Der „Ernst des Lebens“ beginnt für viele mit der Schulzeit. Ab diesem Zeitpunkt sind ein geregelter Stundenplan, Hausaufgaben und Schularbeiten Pflicht. Ein kleiner, zwölf Jahre – je nach Schultyp – andauernder Test sozusagen, wie gut man mit Arbeitsanweisungen und Anpassung zurechtkommt (und vielem mehr natürlich). Die einen blühen auf, haben Freude an ihren Lieblingsfächern und bekommen die anderen auch irgendwie hin. Anderen fällt es schwerer, sich einzuordnen, kommen mit den Lehrer*innen weniger zurecht und freuen sich in erster Linie auf das erlösende Klingeln der Schulglocke, die den Unterricht beendet. Und dazwischen gibt es viele, für die es mal so, mal so ist. Spätestens gegen Ende der Schulzeit – oder beim Wechsel in eine berufsbildende Schule oder in eine Lehre – steht die Wahl des richtigen Berufs an. Was will ich werden? Was macht mir Spaß, worin bin ich gut oder will einmal gut darin sein? Was sagen Eltern, Familie, was machen die Freund*innen? Eine Entscheidung fürs Leben, eine Weichenstellung. Geht noch ein bisschen mehr Druck?
Auf die Schule folgt dann eine Ausbildung und früher oder später der Berufsalltag. Ab da wird’s haarig. Denn zwischen Schule/Uni/Ausbildung und rund 40 Stunden (oder mehr) pro Woche arbeiten, darin liegt ein großer Unterschied. Das Gehalt, sagen die einen. Das bildet natürlich die Existenzgrundlage und kann zusätzlich ein schöner Anreiz sein, je nachdem, wie der Wert der eigenen Zeit und Arbeitskraft bemessen wird. Doch manchen wird bald klar: So richtig toll ist das ja gar nicht. Immer dasselbe, jeden Tag. Und: Sich am Montag schon auf das Wochenende freuen, auf den Urlaub, den nächsten Feiertag. Darauf folgt die Ernüchterung: War’s das jetzt? So geht es weiter bis zu Pension (sollte dieses Modell unsere Generation noch erreichen) oder kommt da noch was?
Erlösung durch Social Media
Was sicher kommt, ist die heilbringende Botschaft in sozialen Netzwerken und anderen Medien: Es gibt nur eine Lösung – mach’ deine Leidenschaft zum Beruf! Du kannst gut fotografieren, backen, schreiben? Verdiene ab jetzt damit dein Geld, es ist so easy und dann stehst du jeden Montag freudestrahlend auf! Hurra! Rasch wird deutlich, dass man mit dem Problem nicht alleine ist: Unzufriedenheit im Job ist kein Randphänomen. Die Gründe sind unterschiedlich und reichen von fehlender Wertschätzung der Vorgesetzten, schlechter Bezahlung bis zum Burn oder auch Bore out. Manche Jobs mögen auch gut klingen, sind letztendlich aber sinnlos. Das zeigte der Anthropologe David Graeber mit seiner 2018 auf Deutsch erschienen Studie „Bullshitjobs“: Bis zu 40 Prozent der in den Niederlanden und Großbritannien befragten Arbeitnehmer*innen haben das Gefühl, einer nutzlosen Tätigkeit nachzugehen.
Der Weg aus so einer Misere könnte ein Jobwechsel sein. Am besten gleich das Hobby zum Beruf machen, denn was gibt es besseres, als für das bezahlt zu werden, was man gerne tut? Raus aus dem faden Alltag, hinein ins neue, aufregende Leben, in dem das Hobby die Miete hereinbringt. Do what you love! Wird schon werden, immerhin hat man dann richtig viel Spaß, ist erfüllt, wen schert es, wenn sich die Rechnungen stapeln und die Einnahmen ausbleiben?
Zugegeben, das ist jetzt ein wenig vereinfacht dargestellt. Also packt die Heugabeln wieder weg und haltet die Trollpostings zurück. Es folgt eine Erklärung: Wer unglücklich ist im Job und die Möglichkeit hat, das zu ändern, soll natürlich entsprechende Schritte setzen. Es spricht daher gar nichts dagegen, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und ins kalte Wasser zu springen. Nicht umsonst gibt es großartige Fotograf*innen, Köch*innen und Menschen, die mit ihrem Sport begeistern. Auch ein Branchen- oder Berufswechsel ist an sich eine gute Sache, schließlich steigt unsere Lebenserwartung, das Erwerbsleben wird länger und viele wollen eben mehr als nur einen Beruf ausüben.
Die Frage ist, ob wir hier nicht auch einer falschen Vorstellung aufsitzen, dass gerade das Hobby als Beruf die Lösung ist. Und wir uns damit unnötigen Druck machen. Beziehungsweise, dass uns diese Vorstellung in sozialen Netzwerken als einziger Ausweg aus Unzufriedenheit im Job präsentiert wird. Aber nur weil man in der Freizeit gerne bastelt oder Yoga macht, heißt das noch nicht, dass es auch als Vollzeitjob taugt. Denn dann entsteht auf einmal Druck: Miete, Rechnungen, Krankenversicherung, das alles muss abgedeckt sein. Liegt man da immer noch entspannt im Savasana?
Egal, welchen Beruf jemand ausübt, es wird immer Tätigkeiten geben, bei denen einem nicht nach Partyhütchen und Girlanden zumute ist. Buchhaltung, Kundenakquise, Steuererklärung. Yeah. Oder Phasen, in denen sich nichts tut, keine Aufträge, keine Einnahmen. Das klingt banal und ist doch wichtig. Indem mit der Botschaft „Do what you love“ vereinfacht dargestellt wird, dass das Hobby als Beruf dazu führe, jeden Tag zu lieben, werden negative Seiten ausgelassen. Junge Menschen, die gerade vor der Wahl des richtigen Berufs stehen, bekommen dadurch möglicherweise ein falsches Bild, was Arbeit ist. Dass die auch mal anstrengend ist, langweilige Routineaufgaben umfasst oder es Zeiten gibt, in denen erst noch viel gelernt werden muss. Das bedeutet keinesfalls, dass sich Jugendliche besser darauf einstellen sollen, dass Arbeit keine Freude machen darf. Es heißt, dass jeder Beruf auch Schattenseiten hat und man sich nicht blenden lassen soll vom Ergebnis, vom schönen Schein in sozialen Medien, der die Mühen der Ebene verständlicherweise ausblendet.
Beruf = Erfüllung?
Der Beruf soll Freude machen, das steht fest, denn schließlich verbringen wir einen großen Teil unseres Tages, unseres Lebens, damit. Aber lösen wir uns von dem Druck, dass der Beruf die Erfüllung sein muss. Für viele kann die Arbeit auch einfach okay sein oder tatsächlich Spaß machen, ohne aber Hobby oder „Leidenschaft“ sein zu müssen. Umso besser, wenn arbeiten einfach so Freude macht, ohne dass das Hobby den Lebensunterhalt finanzieren muss. Zudem hat nicht jede*r eine Leidenschaft, die sich monetarisieren lässt. Andere wollen Freizeit und Beruf strikt trennen, denn was Geld einbringen muss, löst schnell auch Druck aus. Manche würden vielleicht gerne etwas anderes machen, aber haben nicht die Zeit, Skills oder finanziellen Mittel, um einen neuen Weg einzuschlagen. Wer dann in sozialen Netzwerken ständig sieht, dass der Job unbedingt Spaß machen muss, wird eher noch unglücklicher. Diese Wahrnehmung mag subjektiv sein und vorrangig in der eigenen Peer-Group präsent. Aber nicht ausschließlich.
Karrierekapital statt überstürzter Kündigung
Oft kommt die Freude an einer Tätigkeit auch erst mit der Zeit, wenn man sie besser beherrscht. Cal Newport beschreibt das in „Die Traumjoblüge“ (2012) (original: „So good they can’t ignore you“) als Karrierekapital. (Das Buch habe ich bereits im Blogpost über Selbstoptimierung erwähnt.) Je besser jemand in einem Job ist, umso besser stehen wiederum die Chancen, damit etwas neues wagen zu können. Anstatt blind das Hobby zum Beruf zu machen, nur weil man es gerne tut. Wer zuhause oder im Studio gerne Yoga macht, hat keine Garantie dafür, dass das Leben als Yogalehrer*in wirklich die Erfüllung bringt. (Yoga ist hier nur ein Beispiel von vielen – neue Yogalehrer*innen sollen sich hier nicht angegriffen fühlen.)
Aber es gibt sie ja doch. Die Erfolgsstorys von Menschen, die alles hingeschmissen haben und mit einem Neuanfang ihrem Leben neuen Sinn geben konnten. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen. Und kann vielleicht etwas von dieser Lockerheit lernen. Doch ich bleibe dabei: Ich der 24/7-Spaß-Welt von Social Media braucht es vielleicht auch mal einen Reality Check. Hinterfragen, ob das, was leicht aussieht, wirklich so leicht ist. Oder ob dahinter nicht genauso viel Arbeit, langweilige Aufgaben und Frust stecken, aber eben schöner daherkommen.
Was ist Arbeit denn heute überhaupt? Sinn oder Zweck? Von beidem ein bisschen? Es ist ein Privileg, sich darüber überhaupt Gedanken machen zu dürfen und ein Ausdruck von Wohlstand, seinen Beruf frei aussuchen zu können.
Viele haben heute die Möglichkeit, mit der Arbeit Talente und Leidenschaften zu vereinen. Dazu braucht es die Fähigkeit, auch dann dranzubleiben, wenn es gerade nervt. Denn genau dann wird man wirklich gut. Und wer solche Phasen aushalten kann, hat vielleicht auch wirklich Spaß an der Arbeit.