Wer sich selbst optimiert, hat die Kontrolle über seine Leben gefunden. Warum wir uns mit Selbstoptimierung unter Druck setzen und was wir davon haben.

„Be the best version of yourself“, „Hole das Beste aus dir heraus“ – solche Sprüche sind in sozialen Medien, Zeitschriften und Werbung omnipräsent. Selbstoptimierung boomt seit Jahren und macht vor keinem Lebensbereich Halt. Neben der paleo/veganen/regionalen/saisonalen/verpackungs-, zucker- und glutenfreien Ernährung, die selbstverständlich, bunt, frisch und täglich selbst gekocht daher kommt, sollte auch das Workout stets total Spaß machen und zum perfekten Body führen. Wohnung und Kleiderschrank werden Kondo-gerecht minimalisiert und zeigen: Ich hab‘ alles im Griff. Dass zu so einem optimalen Leben nur der optimale Job passt, ist doch klar?
Aber von vorne: Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich und sein Leben nach persönlichen Vorstellungen zu verändern und zu verbessern. Auch eine typgerechte, gesunde Ernährung ist eine sinnvolle Sache und gegen Sport würde ich mich sowieso nie aussprechen. Wer seine Freizeit gerne bei IKEA oder mit Online-Home-Shopping verbringt, dem sei auch diese Freude vergönnt (okay, der Paketwahnsinn ist ziemlich unnötig, aber das ist grad nicht das Thema hier). Und nichts läge mir ferner, als jemanden, der seinen idealen Job gefunden hat, für diesen zu kritisieren.
Wovor laufen wir davon, in dem wir uns selbst ständig verbessern?
Wir können heute alles haben. Das ist ein Luxus unserer Zeit und etwas, wofür ich zutiefst dankbar bin. Was der Freude jedoch einen etwas bitteren Beigeschmack verleiht, das ist der zunehmende Anspruch, eine gewisse Perfektion in alle Lebensbereiche zu bringen. Sicher bin ich hier auch „Opfer“ medialer Botschaften, die nicht nur auf Instagram, YouTube und Pinterest verbreitet werden, sondern auch in Zeitschriften und Werbung (bzw. Werbung in Zeitschriften). Aber woher kommt der Drang, alles verbessern zu wollen? Wovor laufen wir davon? Indem wir immer alles noch besser, noch schöner machen wollen, rennen wir doch einem Ideal hinterher, das wir nie erreichen können. Was passiert denn, wenn wir es erreicht haben? Wie fühlt sich das an? Ist man dann auf einmal zen-mäßig ruhig, in seiner Mitte, schwebend über dem Meditationskissen und mit sich und der Welt im Reinen? Ich bezweifle es.
Die unterschwellige Botschaft: Du bist falsch.
Was mich an der alle Lebensbereiche durchdringenden Selbstoptimierung stört, ist, dass sie allen, die sich nicht der Optimierung hingeben, suggeriert: Du bist falsch. Nicht nur in Bezug auf Aussehen – das erledigt die Werbung ja ohnehin schon seit Jahrzehnten – sondern auch im Beruf. Immerhin stehen uns alle Möglichkeiten offen und wer nicht seinen Traumjob findet, hat sich einfach nicht genügend angestrengt. Selbst schuld. Ich spüre in Selbstoptimierungssprüchen à la „Be the best version of yourself“ immer einen unterschwelligen Vorwurf, eine Anschuldigung an alle, die vielleicht mit der nicht besten, aber ganz guten Version von sich zufrieden sind. Es stresst ungemein, wenn um einen herum alle ihre Traumjobs gefunden zu haben scheinen, man selbst aber jeden Montag verflucht. Es stresst, wenn man das Gefühl hat, irgendwann falsch abgebogen zu sein und die Ausfahrt zum Traumjob verpasst zu haben. Dabei ist die Definition des perfekten Jobs – bzw. des perfekten Lebens – ja ohnehin individuell.
Ich.Will.Besser.Werden.
Jetzt ist es nicht so, dass man sich unbedingt mit dem Status quo zufrieden geben muss, wenn dieser nicht zufriedenstellend ist. Wer an sich selbst Fehler erkennt, dann ist es sicher eine gute Idee, an sich zu arbeiten. Und wer etwas erreichen will, darf auch ordentlich Arbeit in sein Projekt stecken, sei es beruflich, im Sport oder bei anderen Tätigkeiten. Nichts spricht dagegen, besser werden zu wollen. Doch sollte die Motivation dafür von innen kommen, nicht als mahnende Botschaft im Instagram-Feed. Die womöglich einen Lifestyle suggeriert, der zwar schön aussieht, aber nicht realistisch ist. Dabei aber Zweifel weckt: „Müsste ich nicht auch… erfolgreicher sein? Sollte ich nicht auch mehr xy machen? Eine 6-Uhr-Morgen-Routine mit Eisbaden und grünem Smoothie etablieren, gefolgt von Journaling, Meditation, Yoga, Räucherstäbchenzeremonie, … noch bevor der eigentliche Tag beginnt? Ist mein Job nicht langweilig verglichen mit dem, was andere auf Social Media zeigen?“ Mit dem Anspruch, unbedingt die beste Version von sich sein zu wollen, wird der Blick darauf verstellt, dass diese Version sehr individuell ist. Und Selbstoptimierung zum Selbstzweck verkommt.
Zufriedenheit beginnt im Kopf (?)
Abgesehen von der Frage des Wollens haben auch nicht alle Menschen die Ressourcen, ihren verhassten Job an den Nagel zu hängen und sich neu zu erfinden. Manche sind vielleicht auch ganz zufrieden, ohne dass sie einen „Top-Job“ (bitte individuelle Bedeutung hier einfügen) ausüben. Vielleicht muss der Job selbst gar nicht immer optimiert werden, sondern nur unser Denken darüber. Wenn wir in unserem Tun einen Sinn finden, an den Tätigkeiten Freude haben und zumindest meistens gerne in die Arbeit gehen, ist alles okay. Und wenn das nicht? Dann ist auch das kein Grund, vor lauter Selbstoptimierungsbotschaften in Panik zu geraten. Es kann helfen, die Situation mal anzunehmen und zu schauen, wohin es denn gehen soll. Wie sieht der ideale Arbeitsalltag aus? Was kann sofort, was langfristig verändert werden? Nur planloses optimieren zum Selbstzweck macht auf Dauer bloß müde. Und nervt. Es kann auch helfen, in einem nicht so tollen Job erst mal „Karrierekapital“ aufzubauen, wie Autor und Professor Cal Newport es in „Die Traumjoblüge“ (engl. So Good They Can’t Ignore You) beschreibt. Also zuerst Erfahrungen sammeln, Skills aufbauen und Kontakte knüpfen. Und dann, mit genügend davon ausgestattet, zum Sprung in den Traumjob ansetzen.
So viel ist sicher: Es gibt keine „one size fits all“-Lösung. Es ist völlig in Ordnung, auf sich selber zu hören und sich zu fragen, was für einen selbst gerade richtig ist. Dann ist man wahrscheinlich auch die beste Version von sich – ohne sich dabei zu stressen.