Es geht allen gleich: Wir haben zu wenig Zeit und zu viel zu tun. Vielleicht ist es inzwischen zum Statussymbol geworden, keine Zeit zu haben. Gedanken zu vollen To-Do-Listen und Ansprüchen an uns selbst.

„Ich habe keine Zeit“, „Das geht sich nicht aus“, „Ich komme zu gar nichts“ – bekäme ich jedes Mal einen Euro, wenn ich diese Sätze aus meinem Umfeld höre, würde mein Sparschwein bald übergehen. (Und ja, ich besitze tatsächlich ein Sparschwein. Es ist silber und trägt ein goldenes Krönchen.) Wenn ich diese Sätze so oft höre, können zwei Annahmen daraus getroffen werden: Entweder besteht mein Umfeld aus ausschließlich schwer beschäftigten und damit garantiert höchst erfolgreichen Menschen, die zwar keine Zeit, dafür aber schwindelerregende Höhen auf der Karriereleiter erklommen haben. Oder es sind Menschen, die nicht Nein sagen können, sich allem und jedem aufopfern, keine freie Minute haben, weil ihr Leben so intensiv ist, so anspruchsvoll, dass fürs Zeit haben einfach keine Zeit bleibt.
Wenig überraschend – weder das eine noch das andere ist der Fall. Mein Umfeld besteht aus unterschiedlichsten Menschen in unterschiedlichsten Situationen, die sich zwischen Studium, Berufslaufbahn, Elternsein und Selbstständigkeit befinden. Sie alle sind wohl das, was man im besten Sinne als „normal“ bezeichnen würde: Nämlich irgendwo am Anfang oder in der Mitte, finanziell wie lebensjahrtechnisch gesprochen. Allen gemein ist: Sie haben keine Zeit. Zwischen Job, Studium und Familie bleibt wenig Platz für die eignen Bedürfnisse, wie etwa soziale Kontakte oder Sport. Da werden Treffen monatelang aufgeschoben, weil nun mal einfach keine*r Zeit hat. „Heute ist es ganz schlecht“, höre ich oft – als ob es morgen besser wäre.
Jeder Tag hat 24 Stunden, das ist für uns alle gleich. Egal ob Karrieremensch oder Student*in. Trotzdem scheinen wir nicht alle gleich viel Zeit zur Verfügung zu haben. Irgendwas ist immer. Arbeit, Familie, Haushalt. Ich kenne niemanden, die mir sagt: „Ich hab heute so viel Zeit, es ist herrlich, ich weiß gar nicht, was ich damit anstellen soll.“ Niemanden. Alle sind immer schwer beschäftigt, furchtbar eingeteilt und eigentlich nur mehr auf Anschlag. Eine Stunde Sport pro Woche scheint unerreichbar für viele. Die Woche hat 168 Stunden und es geht sich einfach nicht aus, nichts geht sich aus.
Kann das sein? Und wenn ja, wollen wir das wirklich?
Nichts verpassen, immer busy sein
Keine Zeit zu haben scheint heute Ausdruck von Erfolg zu sein. Wer keine Zeit hat, ist gefragt, hat wichtige Dinge zu tun. Wer keine Zeit hat, ist in Bewegung, verfolgt die eigenen Ziele, ist auf der Jagd nach Erfolgserlebnissen. Es passt zu unserem Drang, jede Minute mit etwas zu füllen, mit einer oder am besten mehreren Tätigkeiten. E-Mails checken, Nachrichten beantworten, wichtige Dinge tun. Und die wenige Zeit dazwischen verbringt man auf Social Media, um ja nichts zu verpassen, im busy life der Peer Group. Am besten selbst gleich teilen, was man gerade tut, immer am hustlen, immer on the go.
Es geht mir so auf die Nerven. Wir rennen der Zeit hinterher und füllen sie dennoch mit Tätigkeiten, die sie uns nur noch schneller durch die Finger rinnen lässt. Ich nehme mich da gar nicht aus. Auch von mir kommt das „Keine Zeit“-Gejammere oft genug. Auch ich schiebe Treffen auf. Nur langsam fällt es mir auf, und zwar unangenehm. Die Jahre scheinen immer schneller zu vergehen, die Monate ebenso, in denen wir Freunde nicht sehen, weil alle zu beschäftigt sind (Lockdowns ausgenommen, wobei online zwar nicht so nett ist, aber auch gelten würde).
Ich finde es erschreckend, dass wir das „Keine Zeit“-Mantra so sehr verinnerlicht haben, dass wir schon gar nicht mehr anders können, als rennen. Von einem zum nächsten.
Haben wir eine Gelegenheit versäumt?
Am Anfang der Corona-Pandemie ist ein gewisser Stillstand eingetreten. Alles wurde ruhiger, gedämpfter, wie beim ersten Schnee. Alle hatten Angst, das Leben war auf einmal in Slow Motion. Doch die Ruhe hat nicht lange angehalten (was natürlich auch gut ist, im Sinne von Erwerbstätigkeit, Miete zahlen können und so weiter). Bald wurde aus ausgedehnten Sauerteigbackversuchen wieder das übliche Hetzen. Haben wir hier eine Chance verpasst? Eine Gelegenheit, um uns auf das zu konzentrieren, was uns wirklich wichtig ist? (Vorausgesetzt wir waren in dieser privilegierten Situation, denn Gesundheitspersonal etwa hatte und hat die Möglichkeit definitiv nicht, im Gegenteil. Ihnen gilt mein höchster Respekt.) Eine Möglichkeit, um mal nach links und rechts zu schauen, aus dem Hamsterrad heraus, was da sonst noch sein könnte. Zeit mit Menschen, zum Beispiel. Oder Zeit für sich. Ohne Smartphone, Instagram und dergleichen.
Und bevor alle mit virtuellen Heugabeln über mich herfallen: Mir ist klar, dass jede Lebenssituation unterschiedlich intensiv ist. Dass manche Menschen gar nicht anders können, als in ihrem Hamsterrad zu rennen, weil sonst alles zusammenbricht, weil man etwa Alleinerziehende ist. Das ist es nicht, was ich meine. Sondern diesen Reflex, jede Minute füllen zu müssen, auch wenn wir vielleicht gar nicht müssten. Nicht das zu tun, was wir wirklich brauchen, sondern automatisch alles mit Aufgaben vollstopfen und dann erschöpft sagen „ich wünschte, ich hätte mehr Zeit“.
Dass wir Zeit nicht sparen können, hat uns schon Momo gezeigt, das kleine Mädchen aus dem weltbekannten Roman von Michael Ende, das den Menschen ihre gestohlene Zeit zurück gibt.
Zeit ist da und vergeht. Unwiderruflich. Irgendwann sind wir am Ende des Lebens angekommen und blicken zurück. Auf was? Auf das Hetzen von Termin zu Termin?
Ich wünsche mir, dass es sich irgendwann umkehrt. Dass es dann nicht mehr zum guten Ton gehört, sich zu stressen, sondern en vogue ist zu sagen: Ich habe Zeit. Und das feiern wir dann.